Paradontologie

Parodontitis

Unter Parodontitis (=Parodontose, =Periodontitis) versteht man die Erkrankung des Zahnhalteapparates!

In dieser Liste finden Sie einen Überblick über die Stichworte, die nachfolgend erläutert werden:

  • Ursache der Zahnbetterkrankung
  • Wenn Zähne „länger“ werden
  • Mundhygiene besonders wichtig
  • Neue Methoden
  • „Parodontose“ was ist das?
  • „Taschen“ auch im Mund?
  • Was geschieht bei der Behandlung
  • Geduld und Ausdauer gefragt

Prof. Hinz, ZFV/Herne, schreibt dazu:

Erwachsene verlieren mehr Zähne aufgrund von Zahnbettentzündungen (Parodontitis) als aufgrund von Karies. Das hat einen auch für Laien nachvollziehbaren Grund: Man spürt nicht wirklich etwas von den wachsenden Schäden (wie die Schmerzen bei Karies) und geht deshalb auch nicht früh genug zur Behandlung. Zahnbett- und Zahnfleischentzündungen verlaufen am Anfang eher unauffällig. Nach einiger Zeit macht sich das Anfangsstadium durch Bluten des Zahnfleisches bemerkbar, beispielsweise beim Zähneputzen oder kräftigem Zubeißen. Wenn die Krankheit unbehandelt bleibt und weiter
fortschreitet, sitzen die Zähne nicht mehr so fest in ihrem „Bett“, dem Zahnhalteapparat (Parodont). Oder das Zahnfleisch zieht sich zurück und lässt die Zahnhälse immer länger – und damit empfindlich – werden.
Unauffällig entwickelt sich eine Parodontitis allerdings nur für die Augen von Laien. Zahnärzte erkennen schon früh erste Signale und können mit einer rechtzeitig einsetzenden Behandlung und Aufklärung das weitere Fortschreiten stoppen.
Parodontitis ist auch aus anderen Gründen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen, dass durch unbehandelte Parodontitis ein dreifach höheres Risiko für Herzinfarkt oder die Erleidung eines zentralen Apoplex (Gehirnschlag) besteht.
Jede dritte Fehlgeburt ist auf Parodontose zurückzuführen.

Parodontitis – oder Parodontose?
Sehr oft, bedauerlicherweise auch von Herstellern von Mundpflegeartikeln, wird anstelle von Parodontitis=Periodontitis von „Parodontose“
gesprochen: Das ist ein schon seit Jahren in der Zahnmedizin überholter Begriff. Das Wort Parodontose besagt etwas ganz anderes als das Wort Parodontitis: „Parodont“ oder besser „Periodont“ bedeutet „um den Zahn herum“, und während die Endung „itis“ auf eine Entzündung dieses Bereiches hinweist, besagt die Endung „ose“, dass es sich um eine degenerative, z.B. durch Abnutzung entstandene entzündungsfreie Schädigung handelt. Man kennt diese Wortstamm-Endungen auch von anderen Erkrankungen wie z.B. Arthritis (entzündete Gelenke) und Arthrose (abgenutzte, z.B. überlastete Gelenke). In früheren Jahren ging man davon aus, dass entzündungsfreie, degenerative Zahnbettschädigungen an locker gewordenen Zähnen und zurückweichendem Zahnfleisch schuld seien. Mit den inzwischen rasant weiter entwickelten Kenntnissen um die Zusammenhänge um die Parodontalerkrankungen muss man dies allerdings als Fehleinschätzung ansehen, eine wirkliche
Parodontose kommt so gut wie nie vor. Hinter beweglichen Zähnen und zurückweichendem Zahnfleisch steckt so gut wie immer eine fortgeschrittene Entzndung des Zahnbettes, also eine Parodont“itis“.

Tiefen-Hygiene
Ursache von Zahnbettentzündungen sind eigentlich immer bakterielle Zahnbeläge. In den anfangs weichen, später steinhart werdenden Belägen an den Zähnen leben unterschiedliche Bakterien-Familien.
Während die eine Gruppe kariesfördernd ist, weil die bei den Stoffwechselvorgängen entstehende Säure Zahnschmelz „entkalkt“, sind andere eine Gefahr für das Zahnbett: Die Bakterien dieser Kategorie geben beim „Verdauen“, also bei ihren
Stoffwechselvorgängen, Gifte ab. Diese reizen das Zahnfleisch und führen zu kleineren Entzündungen. Sie sind erkennbar durch mehr oder weniger deutliches Zahnfleischbluten. Aber nicht nur: Die Abfallstoffe der Bakterien dringen auch in die Blutbahn und können im Körper schwere Herzerkrankungen verursachen.
Putzt man bei Zahnfleischbluten ganz besonders intensiv die Beläge weg, heilt die Entzündung nach rund zwei Tagen ab, weil die Giftstoffe fehlen, die die Entzündung weiter fördern würden. Reine Zahnfleischentzündungen können also wieder abheilen – allein durch häufigeres und sorgfältiges Zähne- und Zahnzwischenraumputzen. Beachtet man aber die gelegentlich blutenden Bereiche im Mund nicht weiter, weil sie offenbar wieder „von allein“ verschwinden, und lässt
man in seiner konsequenten Mundhygiene wieder nach, können Bakterien in den Bereich zwischen Zahn und Zahnfleisch wandern. Das geht um so leichter, wenn häufigere Zahnfleischentzündungen schon gewisse „Vorarbeit“ geleistet haben. Im Schutz solcher kleinen Nischen werden die bakteriellen Beläge von der Zahnbürste nicht vollständig erwischt, die Bakterien vermehren sich, produzieren gewebeschädigende Gifte. Die Beläge selbst härten zu festem Zahnstein und reizen das Gewebe zusätzlich. Mit der Zeit wird diese Nische größer, es entwickelt sich eine kleine „Tasche“. Diese wächst in
sehr kleinen Schritten und reicht immer tiefer in das Zahnbett hinein in Richtung Kieferknochen. Überall da, wo die Entzündung aktiv ist, zerstören die giftigen Absonderungen der Bakterien die Haltefasern, die den Zahn mit seinem umgebenden Gewebe stabilisierend verbinden.
Der Verbund geht verloren, es entsteht eine immer größere Lücke zwischen Zahn und „Zahnbett“. Dass der Zahn immer lockerer wird, weil er immer mehr Halt verliert, ist nachvollziehbar. Wenn nicht mit einer fachgerechten Behandlung eingegriffen wird, verliert der Zahn schließlich seinen Halt gänzlich und fällt heraus. Es ist also möglich,
einen kerngesunden Zahn zu verlieren – „nur“ weil das Zahnbett entzündet war und unbehandelt blieb.
Was eine Parodontalbehandlung erreichen kann Der größte Erfolg einer Parodontalbehandlung ist das Stoppen des
Entzündungsprozesses und der Erhalt des erreichten Zustandes und  des natürlichen Zahnes – mehr ist nicht drin: Verloren gegangenes Zahnfleisch wächst keinesfalls wieder nach! Wer glaubt, am Ende der Behandlung sähe alles wieder aus wie in besseren Zeiten, irrt leider.
Deshalb ist es auch so wichtig, Zahnbetterkrankungen zu verhindern oder wenigstens so früh wie möglich in den Zerstörungsprozess einzugreifen.
Der Ablauf einer Parodontalbehandlung hängt von der Entwicklung des Entzündungsprozesses ab. Ein Punkt allerdings ist bei allen kleineren oder aufwendigeren Aktionen gleich wichtig: die Entfernung der bakteriellen Beläge und Konkremente. Je kleiner die Tasche, desto einfacher; je tiefer und größer die Tasche, desto aufwendiger. „Beläge, Konkremente entfernen“ – das ist aber
nicht nur für den Zahnarzt im Rahmen der Behandlung, sondern auch für den Patienten in der Zeit danach das A und O des
Behandlungserfolges. Darum dreht sich alles. Und weil wirkliche „Tiefen-Hygiene“ zu Hause mit der Zahnbürste allein nicht erreicht werden kann, begleiten der Zahnarzt und seine speziell ausgebildete Prophylaxe-Mitarbeiterin oder Dental-Hygienikerin ihren Patienten oft über viele Jahre mit professioneller Zahnreinigung und, wenn nötig, mit
der Reinigung bestehender restlicher „Taschen“.

ZM Danetzki:

Sowohl die Parodontitis-Behandlung selbst wie auch die regelmäßige Nachsorge verlangen von den Patienten viel Zeit, große Motivation zur eigenen Mundpflege und einen ausgeprägten Durchhaltewillen – alles Voraussetzungen, dass ein weiterer Zahnbettverlust und alle damit verbundenen unangenehmen, direkten und indirekten Folgen vermieden
werden. Die Erfahrungen in den letzten Jahren zeigen aber, dass dieser Aufwand die betroffenen Patienten höchst selten überfordert – und vor allem, dass er sich lohnt. Jeder Millimeter neu gewonnener Stabilität
durch Entwicklung neuer Haltefasern (die sich im Gegensatz zum Zahnfleisch in begrenztem Umfang regenerieren lassen) zwischen Zahn und Zahnbett ist ein großer Gewinn auch für die Lebensqualität. Wieder angstfrei in fröhlicher Runde ein Essen genießen, ohne dass die freiliegenden Zahnhälse rebellieren, bereits erste Zähne wackeln oder es einfach schmerzt – das ist die eigentliche Belohnung für den Aufwand. Daneben gewinnt nicht zuletzt die Mundgesundheit: Jeder gerettete natürliche eigene Zahn macht Zahnersatz überflüssig. Nicht zu vergessen: eine Zahnersatz-Versorgung kann bei entzündetem Zahnbett nicht erfolgen. Auch in diesem Fall ist eine umfangreiche Parodontalbehandlung die Voraussetzung für eine nachfolgende Behandlung mit Zahnersatz. Es einfach darauf ankommen lassen“ ist also kein Ausweg.

Ablauf einer Parodontitis-Behandlung

Durch den Zahnarzt werden die tieferliegenden Zahnwurzelflächen von den steinharten Belägen befreit – je nach Platzierung der Beläge mit einem kleinen Handgerät und mit Ultraschall zusätzlich wird mittels desinfizierenden Spüllösungen die Bakterienzahl in den Zahnfleischtaschen extrem stark reduziert (geschlossene Kürettage).
Darüber hinaus gibt es auch Möglichkeiten einer medikamentösen Begleitbehandlung, doch das hängt ganz von der individuellen Situation des Patienten ab. Deshalb kann man aus den Taschen Proben entnehmen und diese im mikrobiologischen Labor anzüchten lassen, somit weiß man später genau, welche Parodontitis-Bakterien sich im Mund befinden. Diese können dann gezielt mittels Antibiotika bekämpft werden.
Durch den Einsatz des Dental-LASER kann fast immer auf den umstrittenen Einsatz von Antibiotika verzichtet werden. Zudem wird die Immunabwehr stimuliert und die Wundheilung erfolgt schneller und schmerzärmer.
Bei einer sehr tiefen Tasche -besonders an mehrwurzligen Zähnen- ist eine erfolgreiche Behandlung ohne chirurgische Unterstützung oft nicht möglich, d.h. in der Regel wird mit Hilfe einer Betäubung das Zahnfleisch teilweise vom Zahn gelöst. Auf den nun frei zugänglichen Stellen kann der harte Zahnbelag sorgfältig entfernt werden („offene Kürettage“). Wenn die Beläge entfernt sind, wird die Zahnoberfläche geglättet, zuletzt mit der Gewebefläche des aufgeklappten Zahnbettes wieder abgedeckt. Der „Gewebelappen“ wächst allerdings nicht immer ohne Hilfe richtig an. Deshalb wird heute oft mit besonderen Techniken gearbeitet, z.B. kann zwischen Zahn und Gewebe Knochenersatz und eine spezielle Membran (Folie) eingebracht werden. In den letzten Jahrzehnten haben die Erfahrungen der Zahnärzte mit Parodontalbehandlungen erheblich zugenommen – ebenso wie die entsprechenden Materialangebote der Dentalindustrie. Es ist also heute möglich, früher eher als aussichtslos geltende Fälle zu einem für alle Seiten befriedigenden guten Ende zu bringen. Wegen dieser nicht überall bekannten erheblichen Fortschritte sollte man sich auch nicht von Patienten, die vor Jahren eine Parodontitis-Behandlung erhalten haben, beraten lassen, sondern von seinem Zahnarzt.

Was kostet die Behandlung?
Die Kontrolluntersuchung, ob parodontale Probleme, z.B. Zahnfleischtaschen vorhanden sind, übernimmt die Krankenkasse voll. Die anschließende Behandlung zur Wiederherstellung der Mundgesundheit wird momentan ebenfalls von der Krankenkasse bezahlt – allerdings gibt es neuere Methoden, an denen sich manche Krankenkasse nicht beteiligt. Welche Kosten ganz übernommen werden und in welchen Fällen Patienten etwas dazu bezahlen müssen, ist pauschal nicht anzugeben. Die Behandlungssituation ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Von den gesetzlichen Krankenkassen
nicht übernommen werden z.B. die Kosten für die begleitende regelmäßige professionelle Zahnreinigung (Individualprophylaxe). Diese sollte in der Folgezeit zunächst im 3 Monatsrhythmus stattfinden.
Knochenaufbauten mit oder ohne Membrane sowie die Labortests zur Erfassung der Parodontitiskeime sind keine Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse. Der Einsatz des Dental-LASER ist ebenso kein Bestandteil des Leistungskataloges der gesetzlichen Krankenversicherung!
Denken Sie daran: Parodontitis ist fast immer vermeidbar!
Eine Parodontitis-Behandlung ist eine zeitaufwendige und anstrengende Behandlung – und sie ist in der Regel vermeidbar. Der alte Spruch „ein sauberer Zahn wird nicht krank“ gilt auch und gerade für das Zahnfleisch, die oberste „Schicht“ des Zahnbettes. Wer bei der täglichen sorgfältigen Mundhygiene, auch in den Zahnzwischenräumen, den besonders anfälligen Zahnfleischsaum nicht vergisst, sorgt auch hier für Sauberkeit und Gesundheit. Wenn keine Beläge und damit Lebensräume für Bakterien vorhanden sind, kann das bakterielle Gleichgewicht im Mund nicht „kippen“. Entzündungen werden verhindert. Wie man diese empfindlichen Regionen am besten reinigt, ohne sie zu „schrubben“, kann jeder Zahnarzt bzw. seine Prophylaxe-Mitarbeiterin demonstrieren.

„Dieser Beitrag enthält Auszüge aus allgemeinen Stellungnahmen und Patienteninformationen der DGZMK (Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde)“ siehe auch www.DGZMK.